Presseartikel 2010   

Twittern unerwünscht

29.06.2010 | www.maerkischeallgemeine.de

POTSDAM - Die Luft war früh raus. „Leute, Ihr könnt in Ruhe Fußball gucken. Wahlgang hat geklappt.“ Diese Nachricht verbreitete die CDU-Abgeordnete Julia Klöckner im vergangenen Jahr über den Kurmitteilungsdienst „Twitter“ live aus der Bundesversammlung. Auch ihr SPD-Kollege Ulrich Kelber konnte nicht stillhalten. „Gerücht: Köhler hat genau 613 Stimmen. Das wäre genau die kleinste Mehrheit“, tippte er in sein Handy. In Nullkomanix war die Kunde von der Wiederwahl Horst Köhlers rum. Die offizielle Bekanntgabe des Ergebnisses der Bundespräsidentenwahl durch Bundestagspräsident Norbert Lammert war dann nur noch eine Formsache.

Die peinliche Panne soll sich in diesem Jahr möglichst nicht wiederholen. Zwar hat das Bundestagspräsidium formal keine Handhabe gegen übereifrige „Zwitscherer“, doch setzt man auf das Verantwortungsgefühl der Mitglieder der Zählkommission – und auf Jens Koeppen. Der CDU-Bundestagsabgeordnete aus der Uckermark ist Obmann der Parlamentsschriftführer.

Er leitet die Auszählung der Stimmen der 1244 Wahlmänner und -frauen. „Ich werde persönlich noch einmal an die Ehre der 42 Schriftführer appellieren“, sagt Koeppen. Zwar könne er kein Handy-Verbot aussprechen – „das sind schließlich freie Abgeordnete“ – aber er vertraue darauf, dass sich alle Beteiligten an die Verabredung halten werden, nichts vorab rauszugeben. Und wenn einer ausschert? „Wenn ich dennoch sehe, dass jemand mit seinem Handy rumspielt, werde ich auf denjenigen zugehen“.

Koeppen (47) sitzt seit fünf Jahren im Bundestag. Der Antennentechniker aus Schwedt/Oder kam über die CDU-Landesliste ins Parlament. Den Job als Schriftführer, der in den Fraktionen gerne an Parlamentsneulinge vergeben wird, empfindet er nicht als Strafarbeit. An Tagen wie morgen, wenn ein neuer Bundespräsident gewählt wird, sei es sogar eine „brisante, spannende Tätigkeit“.

Diese beginnt für Koeppen mit dem Verlesen der Namen der Mitglieder der Bundesversammlung. Allerdings muss er nicht alle 1244 Delegierten allein aufrufen. Nach einigen Minuten löst ihn eine Kollegin ab. Das erleichtert die Konzentration und wirkt weniger monoton. Die Aufgerufenen verlassen das Plenum und nehmen ihren Wahlausweis sowie jeweils einen Umschlag und Zettel mit den Namen der drei Kandidaten entgegen. Gewählt wird geheim – in einer Kabine. Zurück im Plenum, wird der Umschlag mit dem Zettel in der Urne versenkt.

Dann kommt die Stunde der Schriftführer. In einem Hinterzimmer zählen sie die Wahlzettel und sortieren sie auf drei Tischen jeweils fein säuberlich zu 20er-Packs, die dann mit Gummis verschnürt werden. „Ist das Ergebnis knapp, werde ich nochmal zählen lassen“, kündigt Koeppen an. Schließlich habe es in der Vergangenheit bei Wiederholungsauszählungen durchaus Korrekturen gegeben. Schließlich notiert Koeppen das Ergebnis auf einen Zettel, der von ihm sowie von drei weiteren Schriftführern (zwei davon aus der Opposition) unterschrieben wird. Den Zettel bekommt dann Parlamentspräsident Lammert, der wiederum den siegreichen Kandidaten informiert. Erst nach dessen Ankunft im Plenum wird das Ergebnis offiziell verkündet. Mal sehen, ob es diesmal gelingt, die Spannung zu bewahren. (Von Henry Lohmar)

Quelle:http://www.maerkischeallgemeine.de/cms/beitrag/11834118/492531/Das-Ergebnis-der-Bundespraesidentenwahl-soll-diesmal-moeglichst-nicht.html


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